Archive for Februar, 2010

Abstimmungsanlässe

Es gibt sie noch, die klassischen Abstimmungs-Saalveranstaltungen. Manchmal mit ganz interessantem, unerwartetem Ausgang.

Podium in Brügg
Am Dienstag war ich eingeladen, gemeinsam mit Stefan Krattiger (SP), Jan Meyer (FDP) und Leonhard Cadetg (FDP) in Brügg anlässlich eines Podiumsgesprächs über die BVG-Mindestzinssatzvorlage zu sprechen.

Es war ein angeregtes, grundsätzlich fair verlaufendes Podium. Natürlich – das gehört dazu – die eine oder andere Stichelei. In der Diskussion stellten aber plötzlich alle fest, dass bei der 2. Säule einiges nicht rund läuft. Alle hatten plötzlich Bedenken, was die Versicherungslösungen angeht. Je länger je mehr wurden die Positionen von Stefan Krattiger und mir übernommen.

Der bekehrte Kandidat (oder: vom Saulus zum Paulus…)
Das Ganze gipfelte dann in einem interessanten und unerwartetem Bekenntnis: Auf meine Vorhalt, es gebe auch bürgerliche Parteien, Sektionen und Politiker, welche diese Vorlage ablehnten, erläuterte Leonhard Cadetg, “Ja genau”. Er sei so einer. Seine Sektion – er ist Parteipräsident – habe die Nein-Parole beschlossen. Und er selber habe sich nach der Diskussion am FDP-Parteitag ebenfalls davon überzeugen lassen, dass die Vorlage abzulehnen sei…

Solches gibt’s! Hut ab.

Damit waren wir dann auf dem Podium 3:1. Das dürfte wohl auch dem Resultat der Abstimmung entsprechen. Oder ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens?

Alles nur geklaut?

Zeitgenössische Deutsche Literatur gehört zu meinen Steckenpferden. Mit Interesse lese ich jeweils, was von den jungen und nicht mehr so jungen Autoren Deutschlands fabriziert wird. Gespannt war ich daher auf Helene Hegemanns Roman “AXOLOTL Roadkill“. Grosses wurde angekündigt. Radikal, klug und abgründig sei das Buch. Es sei ein Roman vom Leben in einer Welt, die sich von allen Konventionen befreit habe. In einigen Feuilletons wurde festgehalten, Helene Hegemann habe “den Roman ihrer Generation” geschrieben. Eine weibliche Jack Kerouac, sozusagen.

BuchUmso enttäuschender, dass ich heute – ausgerechnet am Tag, an welchem mir das Buch endlich geliefert wird – lese, dass der deutsche Blogger Deef Pirmasens das Buch von “Fräuleinwunder” Hegemann (die Autorin ist 17-jährig) als Plagiat beschreibt.

Akribisch weist Primasens in seinem Blog “Gefuehlskonserve” nach, wo abgeschrieben wurde. Das Ganze unter dem süffigen Titel “alles nur geklaut?”.

Abgeschrieben haben soll die Gute aus dem Buch “Strobo” des Autors Arien (erschienen im Sukultur-Verlag, der die ganze Geschichte in einer etwas mageren Medienorientierung abhandelt). Und ganz offenbar hat die gute nicht nur da abgeschrieben, sondern auch andernorts.

Nun, was sollst. Was wir schon immer wussten. Es kommt nicht drauf an, was jemand schreibt. Sondern wer es schreibt… Es ist natürlich bedeutend spannender, von den Exzessen einer 16-jährigen (die Romanheldin) zu lesen, wenn die Autorin zumindest so tut, als sei es autobiografisch als wenn das von einem 28-jährigen Mann kommt…

Auf die Lektüre des Buches freue ich mich trotzdem!

“Wir leben in der besten aller Zeiten!”

Als Bernischer Kantonsparlamentarier hört man oft politische Beiträge, Reden, Ansprachen. Es sind Kolleginnen, Regierungsräte, National- und Ständeräte, auch mal eine Bundesrätin denen ich lauschen darf.

Hin und wieder gönne ich mir Beiträge von deutschen Politikern. Oskar Lafontain war dabei, Joschka Fischer, Edmund Stoiber, sogar – 1990 – Willi Brand. Gestern hörte ich Theo Waigel, dem langjährigen deutschen Bundesfinanzminister und “Vater des Euro” zu. Er sprach zum Thema “die Schweiz – eine Insel der Seeligen?”.
Waigel
Der deutsche Finanzminister a.D. gestern im Seedamm Plaza, Pfäffikon

Ein spannendes Referat, und noch zur rechten Zeit. Was Waigel über das Doppelbesteuerungsabkommen und das Bankgeheimnis sagte, das hätte weitgehend aus dem Programm der Sozialdomokratischen Partei der Schweiz stammen können.

Besonders bemerkenswert aber waren seine Gedanken über die Europäische Union. “Man darf Europa nicht nur auf eine Freihandelszone verkürzen!”, so portraitierte Waigel die EU, welche von uns Schweizern – oder zumindest von einigen von uns – immer noch dämonisiert wird. Er erläuterte das an seinem eigenen Beispiel. Er erzählte von seinem Grossvater, der drei Kriege erlebt habe. Von seinem Vater, der in zwei Weltkriegen stand. Und von seinem Bruder, der im zweiten Weltkrieg gefallen ist. Und er schloss mit dem Satz: “Heute leben unsere Kinder und unsere Enkel in einer Welt des Friedens, wie es sie in Europa noch nie gegeben hat.” Er bezeichnete die EU als “etwas unvergleichlich Tolles, das entstanden ist”. Waigel rief die Schweizer Parteien dazu auf, vielleicht wieder ein Stück stärker auf Europa zuzugehen, Verbindungen zu nutzen, Austausch zu pflegen, Einladungen anzunehmen und präsent zu sein. Deutlich meinte er: “Ob die Schweiz in der EU dabei ist oder nicht – faktisch ist sie dabei.”

Und noch etwas gefiel mir. Etwas, das wir nicht unbedingt von einem über 70-jährigen erwarten. Er verwahrte sich dagegen, die Vergangenheit romantisch zu verklären und zu sagen früher sei alles besser gewesen. Im Gegenteil, so sein Fazit: “Wir leben in der besten aller Zeiten. Es hat noch nie eine so gute Zeit gegeben wie heute.”

Ich denke, damit liegt er gar nicht so falsch. Obwohl es immer noch Ewiggestrige gibt, welche behaupten, früher sei sowieso alles besser gewesen – sogar die Schweine hätten grössere Köpfe gehabt!