“Wir leben in der besten aller Zeiten!”
Als Bernischer Kantonsparlamentarier hört man oft politische Beiträge, Reden, Ansprachen. Es sind Kolleginnen, Regierungsräte, National- und Ständeräte, auch mal eine Bundesrätin denen ich lauschen darf.
Hin und wieder gönne ich mir Beiträge von deutschen Politikern. Oskar Lafontain war dabei, Joschka Fischer, Edmund Stoiber, sogar – 1990 – Willi Brand. Gestern hörte ich Theo Waigel, dem langjährigen deutschen Bundesfinanzminister und “Vater des Euro” zu. Er sprach zum Thema “die Schweiz – eine Insel der Seeligen?”.

Der deutsche Finanzminister a.D. gestern im Seedamm Plaza, Pfäffikon
Ein spannendes Referat, und noch zur rechten Zeit. Was Waigel über das Doppelbesteuerungsabkommen und das Bankgeheimnis sagte, das hätte weitgehend aus dem Programm der Sozialdomokratischen Partei der Schweiz stammen können.
Besonders bemerkenswert aber waren seine Gedanken über die Europäische Union. “Man darf Europa nicht nur auf eine Freihandelszone verkürzen!”, so portraitierte Waigel die EU, welche von uns Schweizern – oder zumindest von einigen von uns – immer noch dämonisiert wird. Er erläuterte das an seinem eigenen Beispiel. Er erzählte von seinem Grossvater, der drei Kriege erlebt habe. Von seinem Vater, der in zwei Weltkriegen stand. Und von seinem Bruder, der im zweiten Weltkrieg gefallen ist. Und er schloss mit dem Satz: “Heute leben unsere Kinder und unsere Enkel in einer Welt des Friedens, wie es sie in Europa noch nie gegeben hat.” Er bezeichnete die EU als “etwas unvergleichlich Tolles, das entstanden ist”. Waigel rief die Schweizer Parteien dazu auf, vielleicht wieder ein Stück stärker auf Europa zuzugehen, Verbindungen zu nutzen, Austausch zu pflegen, Einladungen anzunehmen und präsent zu sein. Deutlich meinte er: “Ob die Schweiz in der EU dabei ist oder nicht – faktisch ist sie dabei.”
Und noch etwas gefiel mir. Etwas, das wir nicht unbedingt von einem über 70-jährigen erwarten. Er verwahrte sich dagegen, die Vergangenheit romantisch zu verklären und zu sagen früher sei alles besser gewesen. Im Gegenteil, so sein Fazit: “Wir leben in der besten aller Zeiten. Es hat noch nie eine so gute Zeit gegeben wie heute.”
Ich denke, damit liegt er gar nicht so falsch. Obwohl es immer noch Ewiggestrige gibt, welche behaupten, früher sei sowieso alles besser gewesen – sogar die Schweine hätten grössere Köpfe gehabt!
